Presseinformation

"Niederlande sind ein schmerztherapeutisches Entwicklungsland"

Stellungnahme des Hospiz Stuttgart zur Euthanasiegesetzgebung in den Niederlanden

Stuttgart, im Mai 2001: Die erste Kammer des Niederländischen Parlamentes hat am 11. April 2001 Abend in letzter Lesung ein Gesetz verabschiedet, das die Tötung schwerkranker Menschen in unserem Nachbarland weiter vereinfacht.

Der Arzt und Leiter des renommierten Hospiz Stuttgart, Prof. Dr. Christoph Student (59) wandte sich in Interviews entschieden gegen eine solche Lösung für die Bundesrepublik. Nachdrücklich wies er darauf hin, dass es seit alters her und über alle Religions- und Kulturgrenzen hinweg unter Ärzten einen Konsens gegeben habe, keine Beihilfe zur Selbsttötung kranker Menschen zu leisten. Diesen Konsens hätten die Ärzte der Niederlande nun aufgegeben.

Dass Menschen in kritischen Lebenslagen mit Selbsttötungswünschen reagierten, sei normal, betonte Student. Die Frage sei allerdings, wie mit solchen Wünschen respektvoll umgegangen werden könne. Euthanasie sei hier gewiss keine Lösung, erklärte der Mediziner. Aufgabe des Arztes sei es vielmehr, in solchen Situationen die Not hinter dem Tötungswunsch sensibel wahrzunehmen und ernst zu nehmen.

Nach seinen langen Erfahrungen als Palliativmediziner stünden hinter den Selbsttötungswünschen schwerkranker Menschen in der Regel die Angst vor unerträglichem Leiden und dem Verlust der eigenen Würde. "Dies ist verständlich," erläuterte Student. "Wir verfügen aber heute in der Medizin über weit bessere, sanftere und menschenwürdigere Handlungskonzepte als der Euthanasie, um dem zu begegnen. Mit ihnen kann jedem Schwerkranken ein würdevolles Ende gesichert werden. Allerdings," so fügte Student kritisch hinzu, "müssen wir diese Methoden auch einsetzen!" Denn auch Deutschland sei ähnlich wie die Niederlande z. B. in Sachen Schmerztherapie im europäischen Vergleich noch immer Entwicklungsland.

Zugleich bat Student die engagierte deutsche Justizministerin Herta Däubler Gmelin, gemeinsam mit der Gesundheitsministerin das nächste deutsch-französische Treffen auch dazu zu nutzen, um von den französischen Erfolgsmethoden zu profitieren: dort habe man in Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft mit recht einfachen rechtlichen und administrativen Methoden erreicht, dass Frankreich mittlerweile "in der Spitzenliga der EU-Länder in Sachen Schmerztherapie" mitspielen könne.

Im übrigen wies Student darauf hin, dass es heute schon hinreichende rechtliche Möglichkeiten in der Bundesrepublik gibt, um die juristische Sicherung eines würdigen Lebensendes zu ermöglichen. Gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Freiburger Rechtsprofessor Thomas Klie, hat Student hierzu gerade ein Buch veröffentlicht, das genaue Auskunft gibt (Klie und Student: Die Patientenverfügung was Sie tun können, um richtig vorzusorgen. Verlag Herder, Freiburg 2001, ISBN 3-451-05044-7, DM 18,90).